Einige unserer Kunden erscheinen heute mit einem bereits lauffähigen Prototypen zum ersten Gespräch. Gebaut mit Claude Code, ChatGPT oder Gemini, in wenigen Stunden oder Tagen, manchmal erstaunlich ausgereift. Man könnte meinen, das nehme uns die Arbeit weg. Tut es aber nicht.
Ein Prototyp sagt mehr als tausend Worte
Früher brachten Kunden ein Anforderungsdokument mit, vielleicht einige Skizzen auf Papier, vielleicht eine Präsentation. Gut gemeint, aber oft lückenhaft. Wichtige Details fehlten, Annahmen blieben unausgesprochen, Missverständnisse entstanden schon in der ersten Besprechung.
Ein Prototyp verändert diese Dynamik grundlegend. Wenn jemand eine Idee bereits in eine klickbare Applikation gegossen hat, sieht man sofort zweierlei: was der Kunde funktional will und welchen Umfang er sich vorstellt. Das ist ein enormer Gewinn für beide Seiten. Die Anforderungen werden greifbar, nicht abstrakt.
Zudem hilft ein Prototyp dem Kunden selbst, die eigene Idee zu durchdenken. Das Erstellen zwingt dazu, konkrete Entscheidungen zu treffen. Was soll der Button tun? Welche Daten braucht es? Wie soll der Ablauf aussehen? Diese Fragen stellen sich fast von allein, sobald man etwas baut.
Die Frage der Erwartungshaltung
Eine berechtigte Sorge ist natürlich, ob ein Kunde mit einem fertigen Prototypen zum Schluss kommt, man müsse jetzt nur noch «den Code aufräumen» oder «den Feinschliff machen». In unserer Erfahrung war das bislang nicht der Fall.
Es war stets klar, dass ein KI-generierter Prototyp ein Denk- und Kommunikationswerkzeug ist, kein Produkt. Die eigentliche Entwicklung beginnt danach von vorne, professionell, mit sauberem Code, durchdachter Architektur, Tests und Sicherheit. So wie man früher ein Anforderungsdokument geschrieben und Skizzen gemacht hätte, so baut man heute eben einen Prototypen.
Die grössere Herausforderung
Die Gefahr, die ich deutlicher sehe, liegt woanders: Ein Kunde investiert viel Zeit in einen Prototypen, der sein Problem grundsätzlich falsch angeht. Vielleicht ist eine App überhaupt nicht die richtige Lösung. Vielleicht braucht es zuerst eine organisatorische Anpassung, bevor Technologie wirklich hilft.
Das ist allerdings keine neue Herausforderung. Auch früher kamen Kunden mit einer Vision, und manchmal musste man sagen, dass sie eigentlich etwas anderes bräuchten als das, was sie sich vorgestellt hatten. Das war nie leicht. Heute ist es gleich schwierig, nur kommt der Kunde mit mehr investierter Energie in die Idee.
Auch für uns ein nützliches Werkzeug
Nicht nur Kunden profitieren von dieser neuen Möglichkeit. Auch wir bei Apptiva können damit schneller Prototypen für Usability-Tests erstellen. Wo man früher auf Paper-Prototypen oder Designsoftware wie Figma oder Balsamiq setzte, lässt sich heute in kurzer Zeit eine echte, klickbare Anwendung bauen. Das macht Nutzertests konkreter und aussagekräftiger.
Manche Projekte fallen weg, insgesamt wächst der Markt
Es gibt sicher auch Projekte, die Kunden künftig selbst umsetzen werden, ohne eine Softwareagentur beizuziehen. Das ist in meinen Augen in Ordnung. Diese Projekte sind in aller Regel einfach gehalten, haben geringe Sicherheitsanforderungen und würden die Kosten einer professionellen Entwicklung nicht rechtfertigen.
Ich gehe davon aus, dass Claude Code und ähnliche Werkzeuge per saldo zu mehr Arbeit für Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler führen werden. Einerseits wird immer mehr digitalisiert, andererseits sinken die Kosten für einfachere Entwicklungen, was neue Projekte rentabel macht, die früher schlicht zu teuer gewesen wären. Der Markt wächst.
Am Ende bleibt die wichtigste Frage
Wir stehen am Beginn dieser neuen KI-Ära, und noch viel ist offen. Neben allem, was KI-Agenten ermöglichen, bleibt eine Frage zentral, die keine Technologie beantwortet: Soll etwas überhaupt gebaut werden? Und was genau?
Nur weil etwas möglich ist, ist es noch kein Mehrwert. Diese Einschätzung braucht Erfahrung, Kontext und ehrliche Beratung. Genau dort sehen wir unsere Rolle, heute genauso wie früher.